Martinsspiel

Auszug aus dem Paderborner Martinsspiel

Personen: Martinus (in ritterlicher Kleidung), der unbekannte Begleiter und der Bettler

Martinus: „Wenn du dich schon an meine Fersen heftest, dann hättest du wenigstens bei meinem Pferd bleiben können.“

Der Begleiter (aufdringlich): „Wie könnte ich dich allein lassen, Herr? Dein Pferd ist gut angebunden.“ Martinus (sich umschauend, erkennt den Bettler): „Da sieh! Ein Mensch! Ist er tot oder lebt er?“ (Macht ein paar Schritte auf den Bettler zu. Der Begleiter bleibt an seiner Seite.)

Der Begleiter: „Tot, sage ich, lass ihn liegen.“ Martinus: „Er ist nicht to. Sieh, er bewegt sich.“ (Geht heran und kniet sich nieder) „Er ist geknebelt und gefesselt.“ (Martinus nimmt ihm den Knebel aus dem Mund und löst seine Fesseln.)

Der Begleiter: „Was soll’s. Du wirst dich doch seinetwegen nicht aufhalten wollen.“ Martinus (wieder stehend): „He, Unglücklicher, sprich, was ist geschehen?“ Der Bettler (stöhnend): „Dank dir, dass du meine Fesseln gelöst hast.“

Der Begleiter (Martinus am Gewand ziehend): „Nun gut. Jetzt aber komm. Er ist befreit, er kann sich selber helfen. Wir haben keine Zeit.“

Martinus (zum Begleiter ärgerlich): „Hab’ ich dich gefragt, was ich tun soll und was nicht? Hab’ ich dich gebeten, mit mir zu kommen?“ (Zu dem Bettler gewandt, ruhiger): „Ich bin wirklich sehr eilig. Sag mir, was geschehen ist.“

Der Bettler (halb aufgerichtet): „Räuber haben mich überfallen und ausgeplündert. Mein Geld und meine Kleider haben sie mitgenommen. Sie haben mich gefesselt und fast erschlagen und so hier liegenlassen.“ (wimmernd): „Erbarmt euch, Herr. Seht, meine Not ist doch erbarmenswert!“

Martinus (zum Bettler): „Also – ich will’s versuchen. Was kann ich tun?“

Der Begleiter: „Ich warne nochmals, Herr, die Sache scheint mir nicht ungefährlich. Das Ganze ist eine Falle für dich. Der Kerl ist nur ein Spießgeselle der Räuber; er verstellt sich, um dich seinen Spießgesellen vor den Knüppel zu treiben. Je länger du dich hier aufhälst, umso größer wird die Gefahr.“

Martinus (zum Begleiter): „Also Angst hast du auch! (Er lacht.) Das habe ich mir doch gedacht. Nun also, Zeit für dich, dass du verschwindest.“

Der Begleiter: „Nein, Herr, ich will an deiner Seite bleiben. Es könnte leicht sein, dass du einen guten Freund benötigst.“

Martinus: „Mein guter Freund ist mein Schwert! Merk dir’s: Man kann es mit der flachen Seite auch als Prügelstock gebrauchen.“

Der Bettler: „Helft mir doch, Herr, meine Wunden bluten. Mich verlässt die Kraft.“ (Fällt wieder hinten über.)

Martinus (kniet über dem Bettler nieder): „Bei Gott, wer er auch sei, ich will ihm wenigstens zu trinken geben!“ (Nimmt seine Feldflasche und setzt sie ihm an die Lippen.) „Hier, das wird dich wärmen und stärken.“

Der Begleiter (ironisch): „Du hast ein Herz. Paß auf, der säuft dir deine Flasche leer, und du hast keinen Tropfen mehr, dir selbst den Magen zu wärmen!“

Martinus: „Halt deinen Mund, ich kann doch tun, was ich will.“

Der Bettler: „Dank, Herr. Gebt mir noch eine Decke – ein warmes Tuch!“

Der Begleiter: „Sehr ihr, jetzt wird er auch noch unverschämt. Wer hat bei dieser Kälte eine Decke übrig!“

Martinus (zum Bettler): „Ich hab’ wirklich nichts bei mir als das, was ich auf dem Leibe trage.“ Der Bettler: „Ich friere, dass ich sterben muss.“

Martinus (nachdenklich): „Er ist ein Mensch in Not und darum unser Bruder.“

Der Bettler: „Ihr seid ein guter Mensch, Herr.“

Der Begleiter: „Komm, lass uns endlich gehen! Hier kannst du nicht mehr helfen, weil du selbst nichts hast.“ (Der Bettler stöhnt und wimmert)

Martinus (langsam): „Ich – habe – einen Mantel!“

Der Begleiter (beschwörend): „Bist du wahnsinnig? Den brauchst du selbst!“

Martinus (teilt den Mantel und legt die Hälfte über den Bettler): „Da nimm! Jetzt will ich Hilfe holen, dass wir dich in die Stadt bringen.“

Der Bettler (richtet sich auf, stellt sich, geht ein paar Schritte zurück. Dann dreht er sich noch einmal um, jetzt voll Würde und Hoheit): „Hab Dank, Martinus!“

Martinus (verwirrt und verwundert): „Wie weißt du, wer ich bin? Du kennst mich? Wer bist du? Sprich!“

Eine Stimme (von fern her, während der Bettler in seiner Haltung verharrt – möglichst im Scheinwerferlicht): „Ich war durstig, und du hast mich getränkt. Ich war nackt, und du hast mich bekleidet. – Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“

Franz Wüstefeld, St. Martin  

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